Schulgeschichte

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Ein historischer Gruß …

aus der Geschichte unserer Schule erreichte uns im Sommer 2017. Aus einer Haushaltauflösung bot eine Hannoveranerin eine Postkarte aus dem Jahr 1910 zum Verkauf an. Sie stelle unser Schulgebäude am Bonifatiusplatz dar und sei „gut erhalten“. Der Preis von fünf Euro erschien moderat und so konnten wir kurze Zeit später die Geburtstagsgrüße einer „Amanda“ aus Hannover lesen, die diese am 24.8.1910 an „Frau Minchen Schulz“ in Putlitz in der Prignitz richtete, verbunden mit dem Wunsch, dass die Adressatin „diesen Tag noch oft in froher Gesundheit erleben möge“.

 

Warum die Gratulantin das Gebäude „im Listerfelde“ als Motiv für ihre Geburtstagskarte ausgewählt hat, erschließt sich aus den Grüßen nicht. Vielleicht wohnte sie in der Nähe des Gebäudes, vielleicht gab es eine berufliche Verbindung zu diesem, vielleicht war sie aber auch als Hannoveraner Bürgerin stolz auf das prächtige viergeschossige Schulgebäude, das den Vergleich mit Schulen in der Hauptstadt Berlin sicherlich nicht scheuen musste und mit dessen Abbildung sie wahrscheinlich die Bekannte in dem brandenburgischen Provinzstädtchen beeindrucken konnte. Hinzu kam, dass das Gebäude im Jahr 1910 noch ein echter Neubau war: Erst drei Jahre zuvor, 1907 nämlich, war er seiner Bestimmung übergeben worden.

 

Betrachter der Karte mag die Überschrift, die der Abbildung beigefügt ist, überraschen. „Präparandenanstalt Hannover“ steht dort. Müsste es nicht „Ricarda-Huch-Schule“ heißen? Nein, das natürlich nicht. Bis zum Jahr 1910 waren zwar schon einige der Werke Ricarda Huchs erschienen, aber eine Schule nach einer Schriftstellerin und zudem nach einer für ihre Zeit durchaus emanzipierten Frau zu benennen, das wäre im Kaiserreich undenkbar gewesen. Erst im Jahre 1955 wurde unsere Schule nach Ricarda Huch benannt.

Wieso aber dann „Präparandenanstalt“? Als ich zum ersten Mal dieses Wort hörte, dachte ich unwillkürlich an „Präperatoren“. Zwar wurden in dieser „Anstalt“ Jungen im Alter von 15-18 Jahren „präpariert“, dann jedoch für den Besuch des sich anschließenden Lehrerseminars. Präparandenanstalten waren bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein in vielen Teilen Deutschlands die erste Stufe der Volksschullehrerausbildung. Und da die um 1900 sehr stark anwachsende Stadt Hannover immer mehr Volksschulen (man nannte sie damals Bürgerschulen) und entsprechend viele Lehrkräfte für diese benötigte, wurde auch in Hannover im Jahr 1903 eine solche Einrichtung gegründet, die vier Jahre später in das Gebäude in der List einzog.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Neubaus befanden sich bereits drei Bürgerschulen: eine für Jungen in der Edenstraße (fertiggestellt 1895, unser heutiges Oberstufengebäude), eine für Mädchen (seit 1899, die heutige Comeniusschule) und eine für katholische Kinder (seit 1902, die heutige Bonifatiusschule). Die beiden letzten Schulen wurden von dem bekannten Hannoveraner Architektenpaar Paul Rowald und Carl Wolff in unterschiedlichen Ausprägungen des Jugendstils entworfen. Diese Baumeister waren planerisch auch verantwortlich für das letzte und größte Gebäude in dieser Reihe, das an der Westseite des Platzes, hin zur Ulrichstraße, bis 1907 errichtet wurde. In dieses zog nicht nur die erwähnte Präparandenanstalt ein, und zwar in den Gebäudeteil, in dem sich auch noch heute die Aula und die Sporthalle befinden, sondern auch eine weitere Bürgerschule, für die, vom Bonifatiusplatz aus gesehen, der rechte Gebäudeteil vorgesehen war. Bürgerschulen wurden der Einfachheit halber durch Nummern gekennzeichnet und so hat auf einer Bildpostkarte aus dem Jahr 1919, die auch unser Hauptgebäude zeigt, jemand neben dem Wort „Bürgerschule“ die Ziffer 70 durch eine 24 korrigiert.

Einen richtigen Namen erhielt die Schule erst im Jahr 1934: Nach Auflösung der Präparandenanstalten und vermutlich der Aufteilung der Bürgerschule auf andere Schulgebäude zog in diesem Jahr das Ost-Lyzeums, eine „höhere Mädchenschule“ (seit 1882) und Vorgängerin unseres Gymnasiums, in das Gebäude am heutigen Bonifatiusplatz ein. Nach ihrer langjährigen Schulleiterin und Besitzerin – es handelte sich bis 1928 um eine Privatschule – hieß sie nun Elisabeth-Granier-Schule, und zwar solange, bis im Jahre 1955 die bereits erwähnte Umbenennung in Ricarda-Huch-Schule erfolgte.

Originaldokumente aus der Geschichte unserer Schule sind nur wenige erhalten geblieben. Umso willkommener erinnert der Geburtstagsgruß aus dem Jahr 1910 daran, dass unsere Schule zur Geschichte dieser Stadt gehört und sich an ihr ein nicht unwesentlicher Teil der Entwicklung des Schulwesens in unserem Land ablesen lässt.

Dieter Wignanek